Rahmenbedingungen und Gestaltung
Manchmal ergibt sich die Möglichkeit zum Dialogischen Lesen situativ, wenn beispielsweise ein Kind oder mehrere Kinder zur Lehrperson kommen und sie bitten, mit ihnen das Buch anschauen. Wer aber Dialogisches Lesen systematisch als Sprachförderansatz etablieren möchte, kann nicht auf solche spontanen Momente setzen, sondern sollte das Dialogische Lesen gezielt planen. Damit das Dialogische Lesen seine sprachförderliche Wirkung entfalten kann, sollte es zudem regelmässig stattfinden, am besten mehrmals wöchentlich.
Ausgangspunkt ist das Herstellen einer angenehmen Atmosphäre und sicherzustellen, dass es keine oder wenig Störungen von aussen gibt. Bei der Planung solltest du die untenstehenden Faktoren miteinbeziehen. Am besten ist es, die Planung schriftlich festzuhalten. Dies erleichtert die Reflexion im Nachgang des Dialogischen Lesens.
Sprachstand der Kinder und Festlegung der Ziele:
Jedes Kind hat andere Voraussetzungen und Interessen. Ausgehend vom
Sprachentwicklungsstand der Kinder kann ein sprachliches Ziel formuliert werden
(z.B. korrekte Verwendung des Hauptsatzes). Der Sprachstand der Kinder kann
mit einer systematischen Beobachtung ermittelt werden, beispielsweise mit einem
Beobachtungsbogen. Sind die sprachlichen Ziele festgelegt, kann das sprachliche
Angebot so gestaltet werden, dass diese sprachlichen Strukturen besonders häufig
von der Lehrperson präsentiert werden (Baldaeus et al., 2021).
Gruppengrösse:
Wir empfehlen das Dialogische Lesen vorwiegend in einer Kleingruppe (maximal 3 Kinder) durchzuführen. Die Kleingruppe bietet die Möglichkeit, auf jedes Kind individuell einzugehen und die Planung ganz auf diese Kinder auszurichten. Bei Risikokindern im sprachlichen Bereich, zurückhaltenden Kindern oder Kindern mit Deutsch als Zweitsprache ist die Eins-zu-Eins-Situation bzw. die Kleingruppe der Grossgruppe vorzuziehen.
Das Dialogische Lesen in der Kleingruppe ist aber häufig im pädagogischen Alltag mit einer Gruppe von 20 Kindern oder mehr schwer umzusetzen. Damit dies gelingt, müssen Freiräume geschaffen werden, in denen sich die Lehrperson und Kinder auf eine Lesesituation einlassen können (z.B. Absprache mit Praktikant:innen, Partnerlehrpersonen, etc.). Das geht nicht ohne eine genaue Analyse des pädagogischen Alltags.
Obwohl empfohlen wird, Dialogisches Lesen mit der Kleingruppe
durchzuführen, ist es prinzipiell auch mit grösseren Gruppen möglich. Der
Vorteil der Grossgruppe besteht darin, dass die Kinder einander als
sprachliches Modell dienen können und Gesprächsregeln erworben werden. Bei der
Grossgruppe ist darauf zu achten, dass möglichst alle Kinder einbezogen werden.
Zudem ist es hilfreich, den Inhalt der Geschichte durch weiterführende
Aktivitäten (z.B. Bewegungsangebot, Rollenspielangebot, gestalterische Aktivitäten)
zu vertiefen, damit sich jedes Kind nochmals intensiv mit dem Inhalt und der
Sprache des Buches auseinandersetzen kann (Kappeler Suter, Plangger &
Jakob, 2018).
Zusammensetzung der Gruppe:
Bei der Auswahl der Kinder für das Dialogische Lesen sollte der Sprachentwicklungsstand der Kinder berücksichtigt werden. Es ist naheliegend, Kinder mit ähnlichem Sprachentwicklungsstand auszuwählen. Allerdings können auch sprachlich heterogene Gruppen sinnvoll sein, da in diesem Fall die sprachlich fortgeschrittenen Kinder Sprachmodelle für die Kinder mit weniger Spracherfahrung sind (Baldaeus et al., 2021).
Sitzordnung:
Wenn das Dialogische Lesen mit einem oder zwei Kindern stattfindet,
können diese entweder neben der Lehrperson sitzen oder ihr gegenüber. Bei grösseren
Gruppen ist der (Stuhl-)Kreis weniger gut geeignet, da so nicht alle Kinder auf
das Bilderbuch schauen können. Das Herumzeigen des Bilderbuchs hilft nur
bedingt. Es ist wichtig, dass alle Kinder jederzeit auf die Bilder schauen
können, über die gesprochen wird. Besser ist es deshalb, wenn die Kinder im
Halbkreis sitzen oder auf Sitzstufen.
Auswahl des Bilderbuchs und Sprache:
Überlege Dir, mit welchem Buch Du das Dialogische Lesen durchführen möchtest. Grundsätzlich sollte das Buch den Interessen und Fähigkeiten der Kinder entsprechen ( → siehe nächstes Kapitel). Im Hinblick auf die sprachlichen Ziele solltest Du darauf achten, neue Wörter oder sprachliche Strukturen besonders häufig zu präsentieren. Dazu solltest Du Dir überlegen, ob Du gegebenenfalls den Text verändern kannst und an welchen Stellen Du welche neuen Wörter bzw. sprachlichen Strukturen einführen kannst. Überlege Dir auch, an welchen Stellen Du welche Impulse setzen möchtest oder welche Fragen Du stellen kannst, um die Kinder zum Sprechen zu animieren (Kappeler Suter, Plangger & Jakob, 2018). Um die geplanten Strategien auch umsetzen zu können, ist es sinnvoll, dies zu notieren, z.B. auf Haftzettel, und diese an den entsprechenden Stellen des Buchs zu platzieren (Baldaeus et al., 2021).
TIPP: Planung ist wichtig, da sie Dich dabei unterstützt, das Dialogische Lesen systematisch und damit mit einer hohen Qualität durchführen zu können. Trotzdem ist es wichtig, in der Situation flexibel auf Wünsche der Kinder zu reagieren sowie den Interessen der Kinder zu folgen und nicht zu starr an der Planung festzuhalten.