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3 Gesprächsebenen

Website: LehrBar
Kurs: 3-Ebenen-Mentoring
Buch: 3 Gesprächsebenen
Gedruckt von: Gast
Datum: Mittwoch, 23. September 2026, 09:27

Beschreibung

Klicke auf die Aktivität Buch, um etwas mehr über die drei Gesprächsebenen zu erfahren. Mit dem Pfeil gelangst du jeweils zum nächsten oder zum vorherigen Kapitel. Alternativ kannst du auch über die Abschnittsübersicht rechts navigieren.

1. Beobachtung

(Niggli, 2005, S. 34ff.)


Bevor ein Gespräch stattfinden kann, muss eine Beobachtung gemacht werden. Ziel und Zweck ist es, Informationen zu sammeln, damit das Lernen von Coachees gefördert werden kann. Die Beobachtung sollte möglichst alltagsnah und nicht in Fachsprache sein, denn sie dient als Grundlage für eine zwischenmenschliche Interaktion. Die Beobachtungen können offen oder unter Berücksichtigung bestimmter theoretischer Kompetenzen sein. Dabei sollte auf verschiedene Punkte geachtet werden:

  • Möglichst beschreibend verfahren, nicht auf Vorerfahrungen basierend vorschnelle Urteile und Bewertungen treffen
  • Sich klar sein, was man beobachten möchte und durch welche Brille man den Unterricht anschaut
  • Identifikation mit den eigenen Unterrichtserfahrungen reflektieren
  • Beziehungseffekte beachten (wenn uns jemand sympathisch ist, beobachten und beurteilen wir anders, eher mild)

Für die Beobachtung gibt es verschiedene Beobachtungssysteme und Formulare. In der folgenden Zusammenstellung (siehe Zusammenstellung Beobachtungssysteme Formulare) findest du eine Übersicht darüber. Falls du mehr und detaillierter wissen möchtest, zu welchem Zweck sie dienen, wie du auswählen kannst, wofür sie gut sind usw., schau dir gerne das Buch von Niggli (2005) an (siehe Literaturverzeichnis zu Beginn des Angebots). Dort findest du auch beispielhaft ausgefüllte Formulare.

2. Gesprächsebene 1: Feedback erweiterndes Praxisgespräch

(Niggli, 2005, S. 73ff.)


Allgemein

Im Feedback erweiternden Praxisgespräch bezieht sich der Coach auf praktisches Tun, auf die Beobachtung, die im vorherigen Abschnitt erarbeitet wurde. Die Kriterien wurden dabei von Beobachter:in und Beobachtete:r vorher vereinbart, allerdings ist es schwierig, in einer Situation alle Kriterien zu berücksichtigen. Es geht weiter um einen sichtbaren Handlungsvollzug, bei dem «Können» als Vorstufe des praktischen Tuns manifestiert wird. Die Rückmeldung erfolgt dabei auf das konkret wahrgenommene Unterrichtsverhalten. Was war erfolgreich, was nicht, was hätte anders/lernwirksamer gemacht werden können? Dabei sollte der Coach auf mehr positive Rückmeldungen als solche zur Optimierung achten.

 

Kontextbedingungen

Es gibt verschiedene Kontextbedingungen für das Gespräch:

Feedback als Entwicklungsanstoss

relevante Verhaltensweisen des Coachees sollen verändert werden

Feedback als Diagnose

offene Beobachtung oder definierte Standards, woraus Einzelaspekte definiert werden, die trainiert werden sollen

Feedback als fürsorgliche Unterstützung

bestätigende Aussagen, die wichtig sind, um sich realistisch selbst einschätzen zu können und damit Coachees negative Vorkommnisse aus dem Klassenzimmer nicht auf sich selbst beziehen => Erweiterung des Blickfeldes

Feedback als Beziehungsgestand im Kollegium oder im Mentoring

z.B. durch gegenseitige Hospitationen und Feedback im Team

=>  Im Alltag überlagern diese sich allerdings oftmals

 

Funktionen und Lernzyklus

Das Feedback hat zwei Funktionen: Einerseits werden abgelaufene Handlungen evaluiert, andererseits gibt es Motivation für Veränderungen.

Der Lernzyklus beim Feedback erweiternden Gespräch gestaltet sich folgendermassen:

  • Zielvereinbarung: zu beobachtete Punkte werden festgelegt
  • Beobachten/Beschreiben: siehe Abschnitt Beobachtung
  • Feedback: im Rahmen des Feedback erweiternden Praxisgesprächs
  • Bewerten der Informationen: Interpretation durch die beobachtete Person
  • Transformieren: beobachtete Person achtet darauf, die als erfolgreich erachteten Massnahmen zu stabilisieren
  • Neue Ziele werden vereinbart und es geht von vorne los

Abbildung 2: Abgeänderte Darstellung des Lernzyklus in Anlehnung an Niggli, 2005, S.78


Verhalten

Worauf der Coach sowie die Feedback empfangende Person (Coachee) achten sollen, wird in folgender Tabelle dargestellt. Schau dir die Tabelle an und ergänze die Spalten durch eigene Kriterien, die dir dabei wichtig erscheinen.


Beispielhaftes Gesprächstranskript

Sieh dir nun in einem nächsten Schritt folgendes Transkript eines Gesprächs an und mach dir dazu Notizen:

  • Welche Punkte haben Coach und Coachee als Gebende und Empfangende beachtet, welche nicht?
  • Was hätte anders gestaltet werden können?

Gesprächstranskript (in Anlehnung an Niggli, 2005, S. 85-87):

Das Gespräch fokussiert die Kompetenz «Kognitive Aktivierung» und die damit verbundene Zielsetzung, Aufgaben mit einem hohen Lebensweltbezug zu stellen. Folgende Kriterien wurden für die Beobachtung vereinbart:  

  • Aufgaben auswählen, die der Alltags- bzw. Erfahrungswelt der Schüler:innen entsprechen 
  • Die Aufgaben im Unterricht auf eine Art und Weise einsetzen, welche den Lebensweltbezug für die Schüler:innen authentischer macht 
  • Die Alltags- bzw. Erfahrungswelt der Schüler:innen bei der Aufgabenbesprechung miteinbeziehen 

M: Ich beziehe mich bei unserer Besprechung auf die Englischlektion von gestern, für die wir folgendes Ziel vereinbart haben: «Aufgaben mit einem hohen Lebensweltbezug zu stellen». (liest nochmals die vereinbarten Ziele vor). Dabei fand ich es sehr wirkungsvoll, dass du den Schülerinnen und Schülern jeweils mitgeteilt hast, inwiefern du die in der Aufgabe dargestellte Situation schon selbst erlebt hast oder dass du gemutmasst hast, inwiefern die Schülerinnen und Schüler die Situation schon in ihrem Alltag erlebt haben könnten. Beispielsweise hast du bei der Aufgabe, bei der die Schülerinnen und Schüler englisches Vokabular im Flughafenbereich lernen mussten, erwähnt, wo du diesen Wörtern konkret schon am Flughafen begegnet bist. Die Schülerinnen und Schüler hätten aber vermutlich besser lernen können, wenn du sie direkt selbst gefragt hättest, ob sie auch schon geflogen sind und wo sie diese Wörter angetroffen haben, statt dass du Vermutungen anstellst, die womöglich gar nicht zutreffen. Zudem ist mir auch aufgefallen, dass einige der Aufgaben einen eher geringen Bezug zum Alltag der Schülerinnen und Schüler hatten. Bei den Aufgaben zu den Modalverben gab es Sätze zum Tragen von Uniformen, zum Verfassen von Bewerbungsschreiben oder zum Absolvieren einer Autoprüfung. Diese Beispiele haben nicht viel mit der Lebenswelt von Kindern im Alter von elf bis zwölf Jahren zu tun. Auch wäre es vermutlich ansprechender für die Kinder, wenn solche Aufgaben mit passenden Bildern hinterlegt sind. Beispielsweise könnte eine Aufgabe so aussehen, dass die Schülerinnen und Schüler ein Bild, bei dem ein Kreditkarte durchgestrichen ist, mit dem Satz «pay in cash» verbinden und dabei das passende Modalverb wählen müssen. Was denkst du zu meiner Rückmeldung? Habe ich dir für dich wichtige Effekte rückgemeldet?  

S: Ja, ich stimme dem zu. Ich denke, dass ich selbst zwar authentische und konkrete Beispiele in Bezug auf meinen Alltag genannt habe, aber ich habe es tatsächlich vernachlässigt, die Schülerinnen und Schüler stärker mit einzubeziehen. Auch mir ist nämlich aufgefallen, dass die Schülerinnen und Schüler motiviert sind, wenn sie selbst über ihren Alltag und ihre Erfahrungen berichten können.  Zudem habe ich auch zu wenig darauf geachtet, Aufgaben zu wählen, die selbst schon einen hohen Lebensweltbezug für Kinder im Alter von ca. elf Jahren haben, weil ich zu sehr darauf fokussiert war, mir zu überlegen, inwiefern ich die Aufgaben den Schülerinnen und Schülern im Unterricht näherbringen kann. 

M: Sind das also die beiden Punkte, die du mitnimmst?  

S: Ja, das stimmt für mich so.  

M: Gut. Was würdest du nun also anders machen, wenn du in Zukunft eine Unterrichtseinheit planst mit der Zielsetzung, Aufgaben mit einem hohen Lebensweltbezug zu stellen?  

S: Ich würde darauf achten, dass ich Aufgaben auswähle, die einen konkreteren Bezug zur Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler haben, also beispielsweise Aufgaben die Situationen auf dem Schulhof, in den Ferien oder bei der Hausarbeit beschreiben. Und ich würde insbesondere bei der Aufgabenbesprechung nachfragen, wie die Kinder die in der Aufgabe beschriebene Situation schon in ihrem Alltag erlebt haben, anstatt nur über meine eigenen Erfahrungen zu berichten. (Optimierungsvorschläge von S)

3. Gesprächsebene 2: Reflexives Praxisgespräch

(Niggli, 2004, S. 6f.; Niggli, 2005, S. 90ff.)


Das reflexive Praxisgespräch bezieht sich auf theoretische und praktische Handlungstheorien. Dadurch wird das Hintergrundwissen geklärt. Das Gespräch wird dabei nicht nach vorgegebenen Kriterien behandelt, sondern beginnt mit einem Bedürfnis nach Reflexion. Dabei werden Hintergrundüberlegungen zugänglich gemacht. Das reflexive Praxisgespräch kann in drei Phasen aufgebaut werden:

  • Phase 1 - Beschreiben: Beschreibung der relevanten Ereignisse
  • Phase 2 - Analyse: Hintergrundwissen klären
  • Phase 3 - Synthese:  Abklärung, ob das Hintergrundwissen verändert werden kann

Ein Grossteil des Wissens zeigt sich im Handeln, dabei kann aber unterschieden werden zwischen Wissen (knowing that) und Können (knowing how). Dieses Wissen ist von der konkreten Tätigkeit losgelöst und zeigt sich in Vorannahmen und Vorwissen, die durch das Gespräch erarbeitet werden. Gewisse Dinge werden allenfalls neu konstruiert, bspw. mit der Frage, ob es etwas gibt, das die Lehrperson anders sieht als zu Beginn des Gesprächs, wodurch ein Conceptual Change stattfinden kann.

 

Im Rahmen des reflexiven Praxisgesprächs wird ausserdem zwischen implizitem und explizitem Wissen unterschieden:

  • Implizites Wissen: persönlich, kontextspezifisch, analog (praktisch), schwer kommunizierbar, stummes Wissen
  • Explizites Wissen: kann in formaler, systematischer Sprache weitergegeben werden, Verstandeswissen

Diese beiden stellen komplementäre Wissensformen dar. Neues Wissen kann dabei in einer Wissensspirale durch eine Interaktion zwischen implizitem und explizitem Wissen geschaffen werden.

 

In folgender Abbildung wird die Wissensspirale visualisiert:

  • Sozialisation (von implizit zu implizit): Erfahrungsaustausch, gegenseitiges Lernen durch Beobachtung, Nachahmung, Praxis
  • Externalisierung (von implizit zu explizit): Artikulation des Wissens, implizite Handlungsweisen werden sprachlich gefasst und somit anderen verständlich gemacht
  • Kombination (von explizit zu explizit): Bereiche von explizitem Wissen werden miteinander verbunden, eigenes explizites Wissen wird mit Wissen von anderen verbunden
  • Internalisierung (von explizit zu implizit): z.B. learning by doing


Abbildung 3: Eigene Darstellung der Wissensspirale in Anlehnung an Niggli, 2005, S.96


Wissen wird aber nicht einfach von einer Person übernommen, sondern im Handlungskontext erworben. Das Ziel der Reflexion ist dabei neues Wissen zu generieren. Der Lernzyklus ist folgendermassen aufgebaut:


Abbildung 4: Abgeänderte Darstellung des Lernzyklus in Anlehnung an Niggli, 2005, S.97


Um das zu veranschaulichen, lies folgende Sequenzen eines Transkripts eines reflexiven Praxisgesprächs und ordne die Sequenzen der einzelnen Phasen zu.


Mache dir ausserdem Gedanken zu folgenden Fragen:

  • Inwiefern wurden die einzelnen Phasen beim Lernzyklus eingehalten?
  • Wie wurde das Handlungswissen eruiert?
  • Inwiefern ist es dem Coachee möglich, neues explizites Wissen zu implizieren?


Hier erhältst du dann auch die Lösung, in der du kontrollieren kannst, ob deine Zuordnung stimmt.

4. Gesprächsebene 3: Persönliches Orientierungsgespräch

(Niggli, 2005, S. 113ff.)


Das persönliche Orientierungsgespräch bezieht sich auf das professionelle Selbst und das berufliche Selbstverständnis. Die Coachees setzen sich im Gespräch Ziele für sich selbst, nicht für die SuS. Es gibt verschiedene Anlässe, die zu einem persönlichen Orientierungsgespräch führen können:

  • Persönliche Betroffenheit wird vom Coachee selbst geäussert
  • Betroffenheit wird vom Coach geäussert
  • Gemeinsame Standortbestimmung im Berufsalltag oder in der Ausbildung

Im persönlichen Orientierungsgespräch ist der Ausgangsprunkt eine problembezogene Fragestellung. Dabei geht es darum, das Problem zu analysieren und einen Entscheid zu treffen, was getan werden soll. Wichtige Punkte zu beachten sind:

  • «Sich selbst als Veränderungsprojekt verstehen und entsprechend handeln
  • Eigenes lernen reflektiert begleiten
  • Lernen selbst steuern
  • Lernanlässe selbst feststellen und in Gang setzen» (Niggli, 2005, S.116)
  • Persönliche Orientierungsgespräche sind keine Beurteilungsgespräche

Eingehen auf das persönliche Selbst durch das persönliche Orientierungsgespräch:
  • => Förderung des Verständnisses über sich selbst
  • => Subjektwerdung des Coachees (nicht Qualifizierung)
  • => In Schleifen strukturiert (siehe Abbildung unten)
  • => Blick in die Zukunft: wie könnten zukünftige Situation aussehen
  • => Aufgaben des Coaches: Coachee durch die Phasen/Schleifen begleiten

Abbildung 5: Eigene Darstellung der Prozessschleifen in Anlehnung an Niggli, 2005, S.114f.


Im Orientierungsgespräch kann es auch zu Widerständen kommen:

  • Durch Veränderungsprozesse, die die eigene Person direkt betreffen, können auch widersprüchliche Gefühle ausgelöst werden
  • Persönliches Kontrollbedürfnis: wir möchten Veränderungen, die uns selbst betreffen, möglichst selbst beeinflussen, uns davor schützen oder sie zumindest voraussehen können

Im folgenden tonlosen Video haben wir eine Übung zu den möglichen Widerständen zusammengestellt. Anleitungen dazu erhältst du direkt im Video.

  

 

Schau dir nun folgende Zusammenstellung über Ursachen und Massnahmen bei Widerständen im persönlichenOrientierungsgespräch an. Dabei handelt es sich um eine Zusammenstellung der Punkte, die im vorherigen tonlosen Übungs-Video vorkommen. Denke an einem deiner Praxis-/Coaching-/Mentoring-Gespräche aktuell als Lehrperson oder früher als Studierende:r zurück und mache dir folgende Gedanken als Reflexion dazu:

  • Inwiefern hast du selbst bei dir Widerstände wahrgenommen? Wie hast du dich dabei gefühlt und wie ist dein Gegenüber darauf eingegangen?
  • Inwiefern hast du selbst bei jemanden Widerstände in einem Gespräch wahrgenommen? Wie bist du dabei vorgegangen?
  • Wie würdest du die Spalten mit Ursachen und Interventionen ergänzen?

Mögliche Fragen, die in einem persönlichen Orientierungsgespräch vom Coach gestellt werden können, sind folgende (aus dem Fallbeispiel von Niggli, 2005, S.122ff.):

  • Beispiel einer Situation => «Können Sie schildern, wie Sie die Situation erlebt haben?» (S.123)
  • Was können wir gemeinsam klären? «Welche Frage würden sie ins Zentrum stellen?» (S.123)
  • «Wie haben Sie selbst Ihr Praktikum erlebt?» (S.123)
  • «Wo lagen Ihre Stärken?» (S.123)
  • Welchen Beitrag haben Sie zum positiven Klima/lernförderliche Situation/… geleistet? (aufgreifen, was von den Studierenden geäussert wird)
  • Was sind die Hintergründe der kritischen Punkte, die angesprochen wurden?
  • Womit fühlten Sie sich überfordert? (oder andere Gefühle, die die Studierenden ansprechen)
  • Welche Hilfe haben Sie in Anspruch genommen?
  • Zwischenbilanz: Wie nehmen Sie das Problem jetzt im Nachhinein wahr?
  • Blick in die Zukunft: Was möchten Sie tun, um in künftigen Praxiseinsätzen solche Probleme zu vermeiden?
  • «Wie wollen Sie das erreichen?» (S.125)
  • Was erwarten Sie oder erhoffen Sie sich von Ihren Massnahmen?
  • «Wie wollen Sie dabei vorgehen?» (S.125)